„Fotografisches Manifest“

Dies sind, in aller Kürze zusammengefaßt, die wichtigsten kreativen Leitlinien, die sich im Laufe unserer fotografischen Entwicklung als hilfreich herausgestellt haben.

  1. Der Fotograf macht das Bild, nicht die Kamera
  2. Die Menschen zählen
  3. Fotografieren ist Malen mit Licht
  4. Öffne die Blende
  5. Benutze das Weitwinkel (und gehe nahe an das Geschehen ran)
  6. Plädoyer für Festbrennweitenobjektive

1. Der Fotograf macht das Bild, nicht die Kamera

„Man nähert sich auf leisen Sohlen, auch wenn es sich um ein Stillleben handelt. Auf Samtpfoten muss man gehen und ein scharfes Auge haben. […] Kein Blitzlicht, das versteht sich wohl, aus Rücksicht vor dem Licht, selbst wenn es dunkel ist. Andernfalls wird der Photograph unerträglich aggressiv. Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“Henri Cartier-Bresson, Auf der Suche nach dem rechten Augenblick, Edition Christian Pixis. Berlin und München, 1998, S. 17

Es ist nicht die teuerste Kamera oder das schärfste Objektiv, das ein herausragendes Foto macht. Es ist die Fähigkeit (manchmal das Glück) des Fotografen, den richtigen Moment, das Licht, die Stimmung, die Emotion einzufangen und im Idealfall mit dem Bild eine kleine Geschichte zu erzählen.

Einige unserer besten Fotos haben wir mit mit einfachen Sucherkameras wie der legendären LOMO LC-A gemacht.

Urban Wildlife, "A native New Yorker"
„A native New Yorker“, Central Park 1996, LOMO LC-A

2. Die Menschen zählen

Was ist der Grund, alte Fotos wieder anzusehen? Zumeist sind es die darauf abgebildeten Menschen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es Bekannte oder Fremde sind. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich für das Leben anderer Menschen interessiert.

IMG_5628
Man betrachtet das Bild eines Menschen.

Landschaften bieten natürlich auch reizvolle Motive. Meiner Erfahrung nach ist es allerdings wesentlich schwieriger sich auf diesem Gebiet mit den wahren Meistern ihres Faches zu messen, die sehr viel Zeit aufwenden um die perfekte Tageszeit, Wetter- und Lichtsituation abzuwarten und z.B. in Magazinen wie National Geographic ihre Bilder publizieren. Beim Durchstöbern alter Archive sind es dann doch zumeist die Bilder auf denen Menschen abgebildet sind, die unsere Aufmerksamkeit einfangen, nicht die Landschaftsaufnahmen.

3. Fotografieren ist Malen mit Licht

Gutes Licht ist das Um und Auf eines gelungenen Bildes. Dramatische Lichtstimmungen können phantastische Eindrücke liefern. Unbedachter Blitzeinsatz vor allem die fix eingebauten Blitze, deren Ausrichtung man nicht ändern kann, erzeugen unschöne Schlagschatten. Daher würde ich in den allermeisten Situationen empfehlen den Blitz daheim zu lassen, mit dem vorhandenen Licht zu arbeiten und zu versuchen besondere Lichtstimmungen einzufangen.

CRW_8878
Natürliches Licht durch ein Fenster

Oftmals bieten Gegenlichtsituationen ein dramatisches Gestaltungselement. Auf dem folgenden Bild hätte man die Kinder auch durch einen Aufhellblitz ausleuchten können. Im Vergleich zur untergehenden Sonne hätte der Blitz aber eine viel kältere Farbtemperatur und letztlich sind es gerade die Silhouetten im Gegenlicht, die den Reiz dieser Aufnahme ausmachen.

At the beach in Omis, Croatia
Die untergehende Sonne
Fingers and light
…oder auch einer schwachen künstlichen Lichtquelle erlauben Bilder, die die tatsächliche Lichtstimmung festhalten.

Was aber tun wenn die Sonne nicht herauskommt, und ein bewölkter Himmel mit flachem Licht die Farben abdämpft? Mit ein wenig Kreativität läßt sich auch unter diesem Bedingungen etwas „zaubern“.

Maria Theresia Denkmal, Museumsplatz
Maria Theresia und ein Himmel, der die Sonne einfach nicht durchlassen wollte.

Um ehrlich zu sein lasse ich an diesen Tagen aber die Kamera zumeist in der Tasche.

4. Öffne die Blende

Eine Konsequenz der Fotografie mit verfügbarem Licht ist, dass man die Blende öffnen muß. So gelangt ein Maximum an Licht auf den Sensor. Ich fotografiere fast ausschließlich im Blendenvorwahl-Modus. Mit offener Blende zu fotografieren (kleine Blendenzahl, z.B. f/1.8 oder f/2.8) bedeutet, man reduziert die Schärfentiefe und kann so das zentrale Motiv, auf das man scharf stellt, vom Vorder- bzw. Hintergrund abheben, der umso unschärfer abgebildet wird je weiter er vom scharf justierten Bereich entfernt ist. Auf diese Weise konzentriert man die Aufmerksamkeit auf das zentrale Geschehen im Bild, die Hauptperson oder Hauptaktion um die sich alles dreht. Bei Portraits sind das zumeist die Augen der Person, die man aufnimmt.

Auch die Brennweite hat Einfluß auf die Schärfentiefe. Je größer die Brennweite, desto kleiner der scharf abgebildete Bereich (bei gleicher Blende). Diesen Zusammenhang zu verstehen ist ganz besonders bei Portraits wichtig um den typischen „Automatikmodus-Schnappschuß-Look“ zu vermeiden, in dem alles mehr oder weniger gleich scharf ist und der Hintergrund viel Unruhe ins Bild bringt.

Nicola as a Tyrannosaurus Rex
Bereits mit Blende f/4 und einer Brennweite von 105mm kann man das Motiv gut vom Hintergrund abheben, sofern dieser weit genug entfernt ist.
Adam at the playground
Hier ein Beispiel mit etwas größerem Abstand vom Motiv und Brennweite 200mm und Blende f/2.8.

5. Benutze das Weitwinkel

Menschen lassen sich gut mit einem Teleobjektiv (Objektiv mit großer Brennweite) portraitieren. Der größere Abstand zum Motiv erlaubt es dem Fotografen als Beobachter im Hintergrund zu bleiben. Die große Kontrolle über die Schärfentiefe des Teleobjektivs hilft wie bereits erwähnt, das zentrale Motiv herauszulösen und vom Hintergrund abzuheben.

Einen besonderen Reiz hat es aber, wenn das Bild eine Beziehung der Menschen mit der Situation, ihrem Umfeld herzustellen vermag. Das gelingt am besten mit einem Weitwinkelobjektiv (Objektiv mit geringer Brennweite). Sobald man ein Weitwinkelobjektiv verwendet, lohnt es sich, an den Leitspruch des berühmten Fotografen Robert Capa zu denken: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“

Children in the street of Rovinj
Kinder in Rovinj, Canon EOS 10D, EF 17-40mm mit 17mm Brennweite

Da fällt mir gleich noch eine „goldene Regel“ für Aufnahmen von Kindern ein. Die Fotos werden ungleich besser, wenn man in die Knie geht und aus der Augenhöhe der Kinder fotografiert anstatt aus der Erwachsenenperspektive „von oben herab“. Das Gleiche scheint für Eichhörnchen zu gelten, wenn ich an das Bild ganz oben denke. 🙂

6. Pladoyer für Festbrennweitenobjektive

Zoomobjektive mit großer maximaler Blende (f/2.8) sind groß, schwer und teuer und…..oftmals nicht notwendig. Festbrennweitenobjektive mit großer maximaler Blende sind aufgrund ihrer wesentlich einfacheren Konstruktion kleiner, leichter, günstiger und leiden oftmals weniger unter Abbildungsfehlern, die durch die Komplexität der Konstruktion von Zoomobjektiven verursacht werden.

Mit einem 2 Objektiv Setup aus einem Weitwinkel (zwischen 18 und 28mm Brennweite) und einem leichten Teleobjektiv (zwischen 85 und 135mm Brennweite) ist man für die allermeisten Situationen bestens gerüstet.

Das Motiv ist zu klein bzw. zu weit weg im Sucher? Dann muß man näher ran. Das Motiv ist zu groß bzw. zu nah? Dann muß man weiter weg. „Zoom with your feet.“ Wieviel vom Hintergrund auf das Foto kommt wird über die Brennweite des Objektivs und damit dessen Blickwinkel gesteuert.

Nach einiger Zeit entwickelt man ein Gefühl für den Blickwinkel, den die Objektive bieten, die man in der Tasche hat. Der große Vorteil dieses Ansatzes ist es, dass man lernt, die Umwelt durch die Perspektive der beiden Objektive zu betrachten und dann ganz bewußt nach Aufnahmesituationen für die jeweilige Brennweite zu suchen.

Alleine die Entscheidung, welche Brennweite man verwendet bedeutet schon, daß man viel bewußter auf die Bildgestaltung Einfluß nimmt, als wenn man einfach nur auf dem Zoomobjektiv den Bildausschnitt einstellt, der eben bestmöglich ist. Das ist der wahrscheinlich wichtigste Schritt vom Schnappschuß zur bewußten Bildgestaltung.

Sharif El-Hamalawi, Oktober 2019